untitled-Newsletter 18

Aug 01, 2025 3:18 pm

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Hallo werte Leserschaft,


der Juli ist rum und hier ist ein neuer untitled-Newsletter, mit meinen gesammelten Links und Gedanken aus dem letzten Monat. Ist der Juli für euch eher Sommerloch oder Stress? Für mich war er dieses Jahr absolutes Chaos. Aber für euch versuche ich meine Gedanken zu ordnen:


Fragmente

In einem ihrer letzten Newsletter wies Jenni auf einen Artikel von Joan Westenberg hin: »I Deleted My Second Brain: Why I Erased 10,000 Notes, 7 Years Of Ideas, And Every Thought I Tried to Save«. Darin berichtet Joan, was für eine Befreiung es für sie war, alle digitalen Notizen und Aufgaben aus all ihren digitalen Produktivitätsapps und ihrem Second Brain in Obsidian zu löschen.


Das Gefühl und den Drang, alles zu löschen und dann neu, auf einer leeren Seite zu beginnen, kenne ich auch. Ich kenne es sogar zu gut. Bei mir entsteht es meist aus einem Gefühl der Überforderung oder manchmal auch aus dem Gefühl, dass der Prozess doch nicht passt oder ich dem Prozess entwachsen bin. Halb gefüllte Notizbücher und verschobene Ordner auf externen Festplatten zeugen von diesen Gefühlen.


Der Wechsel meiner Notiz-App von Evernote zu Bear vor gut einem Jahr (siehe dazu Newsletter #04 und Newsletter #05) war für mich wieder die Möglichkeit auf einem leeren Blatt zu beginnen und die Euphorie war – wie immer – am Anfang groß. Mittlerweile ist diese Euphorie verflogen und ich habe zudem neue Wege gelernt, mit dem Programm umzugehen, sodass auch in mir der Wunsch wuchs noch mal neu mit einem leeren Programm zu starten. Aber ich habe diesem Drang bisher widerstehen können, denn für mich steht ein anderes Bild im Mittelpunkt: Es ist mein Jardin Intérieur und nicht mein Second Brain.


Der Begriff ›Jardin Intérieur‹, oder im Englischen ›Mind Garden‹, wurde von Anne-Laure Le Cunff in ihrem Artikel »You And Your Mind Garden« aus dem Französischen entlehnt, beschreibt aber ein ähnliches Konzept wie das ›Second Brain‹ oder der Luhmann’sche ›Zettelkasten‹: Das Sammeln und Verknüpfen von Informationen. Beim ›Jardin Intérieur‹ geht es aber um ein Kultivieren und Pflegen der Notizen, wie bei einem Garten.


Das Konzept des ›Second Brain‹ und die damit verbundenen Tools, wie Roam oder Obsidian, werden mit einem technischen Heilsversprechen beworben, wie auf der Website Build A Second Brain von Tiago Forte: 


Get the Second Brain Quickstart Guide to start building your Second Brain, increase your productivity, and ​​lead a more fulfilling life with more ease and less stress.


Also: »Folge dieser Methode und du wirst das Leben führen, das du dir immer gewünscht hast!« In der Vermarktung dieser Ideen werden diese Methoden ausgeweitet zu universalen Lebensweisen und -weisheiten, dabei sind sie nur eines: Werkzeuge. Und nicht jedes Werkzeug passt zu einem, zu einer speziellen Situation oder zu einer Lebensphase. Ob ein solches Werkzeug zu einem passt, das kann man nur herausfinden, indem man sich damit auseinandersetzt und es ausprobiert. Man muss sich auch nicht sklavisch der vermeintlich perfekten Methode unterwerfen, sondern man muss sie auf sich und seine Situation anpassen. So führe ich auch meine Notizbücher nach der Bullet-Journal-Methode, aber manchmal passt es einfach nicht und das Notizbuch liegt ein paar Wochen unberührt auf dem Schreibtisch, aber ich komme immer wieder dahin zurück, weil es mir in anderen Lebensphasen wieder hilft, die Übersicht zu bewahren.


Egal, ob nun Second Brain, Bullet Journal oder ein Notion Personal Dashboard: es sind nur Werkzeuge. Aber man darf nicht vergessen, dass es Ideale sind, die uns über Social Media oder über die Websites verkauft werden. Es sind Heilsversprechen für unsere, auf persönliche Effizienz und Produktivität getrimmte, Zeit. Was nicht heißt, dass der Kern der Methoden per se schlecht ist. Vor einiger Zeit habe ich mich für eine Hausarbeit kritisch mit der Bullet-Journal-Methode auseinandergesetzt, unter dem Titel: »Bullet Journal als Phänomen des agilen Kapitalismus« (bei Interesse, schreibt mich einfach an). Die Grundidee von Ryder Caroll, dem Erfinder des Bullet Journal, ist simpel und kann eine Methode sein, um Übersicht und Klarheit in sein Leben zu bekommen. Im Buch, das er vor einigen Jahren herausbrachte, wird aber aus der simplen Methode, die man in ein paar Minuten erklären kann, eine Selbstoptimierungsmaschine. Und die Website, die einst die Methode beschrieb, ist nun ein Shop geworden, der einem das Buch, Materialien, Kurse und Trainings verkauft. Und beim Second Brain ist es nicht anders.


Und so ist mein Jardin Intérieur kein englischer Hofgarten, der von einer ganzen Armada von Gärtner:innen gepflegt wird, sondern eher wie der Garten um Peter Lustigs Bauwagen: Um den Lebensmittelpunkt gut gepflegt und ringsumher eher wild – dort müsste dringend mal wieder gegossen werden und die andere Ecke bräuchte mal einen radikalen Schnitt. Oder, um im Bild mit dem Werkzeug zu bleiben: Das Leben ist eine Werkstatt, in der gearbeitet wird und nicht der perfekt aufgeräumte Raum für ein Photoshooting.


In Bear habe ich nun knapp 3.000 Notizen, in Evernote sind immer noch gut 8.500 und diese werde ich alle, so wie sie sind, demnächst in Bear umziehen. Denn es ist mein Jardin Intérierur, so unperfekt wie er ist. Und im Moment komme ich gut damit zurecht, ohne alles zu löschen und auf einer leeren Seite von vorne zu beginnen. Denn es ist nur ein Werkzeug, das für mich im Moment gut funktioniert.


~


Der Blog TechDirt beschäftigt sich eigentlich mit Technik und Recht, kam mir in den letzten Monaten aber immer mal wieder mit sehr guten Artikeln zum Thema Demokratie und gegen die MAGA-Bewegung in den USA unter, wie zuletzt in »Who Goes MAGA«, einer Liste von Stereotypen und warum sie den MAGA- und Trumpismus-Ideen verfallen, oder »Fascism For First Time Founders«, einer Auflistung, warum der Faschismus eines Donald Trumps für Tech-Gründer (aka. Entrepreneure) zwar verlockend wirkt, aber warum es ihnen schließlich schaden wird. Das ganze kulminiert in dem sehr lesenswerten Beitrag »Why TechDirt Is Now A Democracy Blog (Whether We Like It Or Not)«:


We’ve seen how technology can be wielded to consolidate power, how institutional guardrails can be circumvented through technical and legal workarounds, and how smoke and mirrors claims about “innovation” can mask old-fashioned power grabs. It’s a playbook we watched Musk perfect at Twitter, and now we’re seeing it deployed on a national scale.


Und:


We’ve always covered the intersection of technology, innovation, and policy (27+ years and counting). Sometimes that meant writing about patents or copyright, sometimes about content moderation, sometimes about privacy. But what happens when the fundamental systems that make all of those conversations possible start breaking down? When the people dismantling those systems aren’t even pretending to replace them with something better?


Sowie schließlich:


I know that some folks in the comments will whine that this is “political” or that it’s an overreaction. And it is true that there have been times in the past when people have overreacted to things happening in DC. This is not one of those times. If you do not recognize that mass destruction of fundamental concepts of democracy and the US Constitution happening right now, you are either willfully ignorant or just plain stupid. I can’t put it any clearer than that.


Wer sich für die Politik der USA interessiert oder sie – wie ich – als einen Vorboten für die Politik der Rechten in Deutschland im Auge behalten will, dem empfehle ich TechDirt und insbesondere die Beiträge von Mike Masnick zu lesen.


Randnotizen

  • 📝 WeAct: Kein Sonderregister für trans* Personen – Nie wieder Listen gegen Minderheiten!: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) plant ein Sonderregister über alle Personen, die das Selbstbestimmungsgesetz nutzen oder genutzt haben, um ihr Namen oder Geschlecht vor dem Staat anzugleichen. Eine solche Liste erinnert an die sog. Rosa Liste aus der Nazi-Zeit und sollten wir auf jeden Fall verhindern.
  • 📼 El Train / Loop Kitchen: How DJ Shadow Sampled His Way Into History (The Story Of Endtroducing …): DJ Shadow gehört zu einem meiner Lieblingsmusikern und sein Debut-Album Endtroducing … gehört nach wie vor zu einem meiner Lieblingsalben. In diesem Video erklärt El Train exemplarisch am Song Midnight In A Perfect World (Spotify) wie DJ Shadow dieses Album nur auf einem Sampler produziert hat.
  • 📼 WIRED: I 3D-Printed Luigi Mangione’s ›Ghost Gun‹: Der Journalist Andy Greenberg versucht erfolgreich die Waffe nachzubauen, mit der Luigi Mangione im letzten Dezember den CEO der amerikanischen Krankenkasse UnitedHealthcare auf offener Straße erschoss. Bei der Waffe handelt es sich um eine sog. ›Ghost Gun‹, eine unregistrierte Waffe, die es eigentlich nicht geben dürfe, hergestellt mit einem 3D-Drucker und (in den USA) freiverfügbaren Teilen aus Online-Shops. Eine erschreckende und mahnende Doku.
  • 🌐 Making Software: Making Software ist eine Website im Aufbau, auf der Dan Hollick in Essays die technischen Grundlagen von Computern und Software erklärt. Bisher erschienen ist »How Does A Screen Work?«, das mich in die Drucktechnik-Vorlesungen meines Design-Studiums zurückversetzt. Wer sich für die technischen Grundlagen unserer omnipräsenten Computer interessiert, der sollte sich für Making Software ein Bookmark setzen.
  • 🗞️ 9. Zine-Tausch von zines.cool: Kaum war mein Newsletter letzten Monat raus, indem ich das Gerücht verbreitete, dass es bald einen neuen Zine-Tausch von zines.cool gibt, da haut Jenni kurz darauf die Infos auf Instagram raus. Das Ganze ist ganz einfach: Mach ein Zine, schicke davon 3 Exemplare an Jenni und erhalte wenig später 3 verschiedene Zines zurück. Eine schöne Gelegenheit, sich kreativ auszuprobieren und andere Kreative zu entdecken. Ich bin auch wieder mit einem untitled-Zine dabei. Einsendeschluss ist der 10.08.


Musik zum Ausgang

Wie eingangs erwähnt war mein Juli chaotisch und bei mir werden sich nun einige Dinge fundamental ändern, weshalb diesen Monat kein Song besser passt als Bob Dylans The Times Are A-Changin’ (Spotify) und deshalb land er auch auf der Spotify-Playlist zum Newsletter.


Nachwort

'Cause the times, they are a-chanin’ … Und deshalb möchte ich schließen mit einem tröstlichen Gedanken, den Thomas in seinem letzten Newsletter wieder aufbrachte: »Alles aus Liebe, sonst geht die Welt unter«. Oder anders gesagt: Amore Digga!


Beste Grüße

Arne

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