untitled-Newsletter 25

Mar 01, 2026 8:31 am

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Hallo werte Leserschaft,


das Jahr fing für diesen Newsletter holprig an, sodass ich sogar schon personalisierte Memes bekam und letzten Monat musste ich aus persönlichen Gründen leider aussetzen. Nun, bevor ich noch mehr wütende Memes bekomme, gehen wir direkt in die Themen rein. Es ist viel passiert und ich habe viel gesammelt.


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Fragmente

Es gibt viele gute Gründe um Spotify zu kündigen: Schlechte Bezahlung der Künstler:innen, schlechte Audio-Qualität, Schwemme von KI-generierten Songs und »Künstlern«, Investments des Spotify-Gründers in KI-gestützte Waffensysteme, Werbung für ICE in den USA … In der Englisch-sprachigen Wikipedia gibt es zu den ganzen Kritikpunkten sogar einen eigenen Artikel.


Mit der Preiserhöhung letztes Jahr wurde es mir im Herbst auch endlich zu viel. Spotify war für mich eh immer ergänzend, denn den Großteil meiner Musik habe ich in einer feinsäuberlich sortierten iTunes-Bibliothek. Aber für öffentliche Playlists, wie für meine untitled-Zines oder der Playlist zum Newsletter, und zum Stöbern war es praktisch. Zudem ist Spotify, ähnlich wie WhatsApp, der in Deutschland verbreitetste Service und praktisch, wenn man mit anderen Playlists teilt. Spotify zu verlassen kostet also nicht nur Komfort, weil man Umziehen muss, sondern kann auch einen sozialen Preis haben.


Zudem waren Spotify und Netflix, wie früher auch Google und Amazon, für mich ›Love Marks‹, also Marken, die eine starke emotionale Bindung erzeugen. Denn sie waren es, die als erste das Hören von Musik oder das Schauen von Serien und Filmen so digital transformierten, dass es online nicht mehr illegal war – und das, für Endkunden, zu einem bezahlbaren Preis. Mittlerweile ist aber die Enshitification im vollem Gange. Mit dem Begriff ›Enshitification‹ versucht Cory Doctorow das Phänomen zu beschreiben, dass (digitale) Produkte und Dienstleistungen bewusst verschlechtert werden, um dadurch den Profit zu steigern. Mein neues Lieblingsbeispiel dafür ist übrigens die neu eingeführte Werbepause bei Instagram.


Nach etwas Recherche und Überlegen bin ich nun bei TIDAL und ihr findet alle meine untitled-Playlists auf meinem Profil. TIDAL ist auch nicht perfekt, aber die Apps sehen ähnlich aus, funktionieren ähnlich und haben sogar ein ruhigeres Interface, bei dem sich mir nicht ständig eine Sidebar mit Video aufdrängt oder eine KI-gestützte Shuffle-Funktion plötzlich ungefragt Songs in meine Playlists shuffeld.


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Wo wir gerade beim Wechsel von Services sind: Auf dem Hacker-Kongress 39C3 hat Marc-Uwe Kling – ja, der Känguru-Chroniken-Marc-Uwe Kling –, zusammen mit vielen Initiativen, zum monatlichen Digital Independence Day (DID) aufgerufen: An jedem 1. Sonntag des Monats – also quasi heute – soll man sich Zeit nehmen und von einem Dienst der großen Tech-Unternehmen zu einem Service wechseln, der die eigene Privatsphäre respektiert, nicht aus Profitgier unethisch handelt oder plötzlich die eigenen Daten für KI-Trainings verwendet. Also z. B. wechseln von X/Twitter zu Mastodon oder von WhatsApp zu Signal. Dafür gibt es auf der Website zum Digital Independence Day einige Anleitungen. Nach erfolgreichem Wechsel soll man seinen Wechsel mit seinen Freunden, Bekannten oder der Welt unter dem Hashtag #DIDit oder #DUTgemacht teilen.


In einer Zeit, in der die USA immer weiter in Richtung des Faschismus abdriftet und in der wir eine starke Abhängigkeit von US-Tech-Unternehmen haben, ist es wichtig sich auch Gedanken über die eigene digitale Souveränität zu machen. Nicht nur, weil ihre Algorithmen und Geschäftsentscheidungen bestimmen, was wir sehen und was mit unseren Daten passiert, sondern auch weil die politische Weltlage dazu führen könnte, dass plötzlich Services nicht mehr verfügbar sind. Was würde passieren, wenn plötzlich Google Mail oder WhatsApp nicht mehr in Europa verfügbar wäre, weil digitale Dienste als politische Waffe gegen Europa eingesetzt werden?


Mein erster persönlicher #DIDit war also der Wechsel von Spotify zu TIDAL und einiges der Musik für meine iTunes-Bibliothek zu kaufen. Vor einiger Zeit habe ich auch schon Dropbox gegen eine NextCloud auf meinem eigenen Server getauscht. Und für die 2-Faktor-Authentifizierung gibt es statt Microsoft Authenticator und Google Authenticator mit 2FAS, Ente Auth oder Proton Authenticator auch sehr gute Open-Source-Apps.


Mal sehen, was ich mir diesen Monat vornehme. Es wird auch mal wieder Zeit für einen digitalen Frühjahrsputz und dabei zu überlegen, welche Apps und Dienste ich eigentlich so alles nutze und davon überhaupt noch nutzen möchte. Vielleicht mach ich einfach mal wieder eine Liste und überlege, was als erstes Weg oder ersetzt werden kann.


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Wir müssen mal wieder über KI sprechen, denn es wirkt, als sei der Hype weiterhin ungebrochen und dessen Schockwellen treiben weitere Kreise:


Old and busted: Der KI-Hype führt dazu, dass Grafikkarten knapp und teuer werden. New hotness: RAM, also Arbeitsspeicher, wird mittlerweile auch knapp und teuer, da KI-Modelle viel Arbeitsspeicher brauchen; Anfang Dezember kündigte der RAM-Hersteller Micron sogar an, gar nicht mehr für Endverbraucher zu produzieren und stellte seine bekannte und geschätzte Marke Crucial ein. Moderne SSD-Festplatten werden ebenfalls knapper und teurer. Brand new hotness: HDD-Festplatten – ja, die knatternden, mit den rotierenden Magnetscheiben – werden knapp: Der Marktführer Western Digital hat bereits seine gesamte Produktion für 2026 komplett verkauft. Kurz: Alles, worauf gespeichert werden kann, wird wegen KI und immer mehr Rechenzentren knapper und teurer. Das betrifft jetzt in erster Linie PC-Komponenten, wie sie sich Gamer:innen oder Pro-User kaufen, wird sich aber auch auf alle andere Konsumgüter auswirken in denen Speicher-Chips gebraucht werden: Computer, Laptops, Spiele-Konsolen, Smartwatches, Fernseher, Autos etc. KI essen Technik auf.


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Seit dem Jahreswechsel gibt es zudem einen Hype um die nächste »Killer-Anwendung« von KI: OpenClaw (ehemals ClawdBot bzw. Moltbot). OpenClaw ist ein KI-Agent, der über ein Chat gesteuert wird und für einen (kleinere) Aufgaben erledigen kann: E-Mails schreiben, Kalender verwalten, Flüge buchen, etc. All das, was alle großen Tech-Unternehmen mit ihren Sprach-Assistenten versuchen zu entwickeln. OpenClaw ist aber, wie der Name schon andeutet Open Source, das heißt, jede:r Interessierte kann sich die Software einfach herunterladen und auf seinem Computer installieren und nutzen. Das Problem ist aber, dass OpenClaw nicht mit Sicherheit im Hinterkopf entwickelt wurde, sondern mittels »Vibe Coding« durch KI-Tools erstellt wurde. Sicherheit war hier anscheinend nicht die Priorität. Und so gibt es darin eine Sicherheitslücke nach der anderen. Aber auch wenn nicht ein bösartiger Hacker den KI-Assistenten ausnutzt, kann der KI-Agent zur Gefahr für die eigenen Daten werden: So hat die Leiterin für Metas KI-Sicherheit OpenClaw angewiesen ihr privates E-Mail-Postfach aufzuräumen und es hat einfach begonnen ihr gesamtes Postfach zu löschen. Der KI-Agent reagierte nicht auf die Stopp-Anweisungen über den Chat und konnte erst gestoppt werden, als sie auf dem Computer den KI-Agenten beendete.

Aufsehen erregte OpenClaw auch wegen der Plattform Moltbook, auf dem sich die KI-Agenten vernetzen und posten können, wie in Foren oder auf Reddit. Der Hype um OpenClaw und Moltbook führte dazu, dass Carl vom YouTube-Kanal ‌Internet Of Bugs in seinem, sehr guten und sehr sehenswerten, Video dazu mehr fluchte, als bisher in allen seinen anderen Videos. Nicht, weil wir es nun doch, wie es auf den ersten Blick aussieht, mit tatsächlicher künstlichen Intelligenz und somit mit der sogenannten »Singularität« zu tun haben, sondern weil viele, die darüber berichten, die Technik dahinter nicht verstehen oder verstehen wollen und den Hype anfeuern. Denn auch wenn es so aussieht, als ob sich auf Moltbook plötzlich viele KI-Agenten austauschen, es ist nur ein Skript (also quasi ein Rezept), dass den KI-Agenten diktiert, dass sie dort interagieren, kommentieren oder neue Beiträge erstellen sollen. Das Skript kann man auch öffentlich einsehen: moltbook.com/heartbeat.md. Es ist also kein Bewusstsein, sondern automatisierte Textgenerierung, die auf automatisierte Textgenerierung reagiert.


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Last but not least: Lasst euch keine Passwörter von ChatGPT oder anderen KI-Tools generieren! Die Passwörter sehen zwar sicher aus, aber sie sind schnell zu knacken. Sichere Passwörter brauchen eine zufällige Abfolge von Zeichen, damit sie schwer zu erraten oder zu knacken sind. Generative KIs wie ChatGPT machen das genaue Gegenteil: Sie erraten, welche Buchstaben und Worte am wahrscheinlichsten als nächstes kommen. Und damit werden Passwörter von ChatGPT und Co. vorhersagbar.


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Selbst wenn der Hype um KI irgendwann nachlässt und sich auf einem Plateau einpendelt, die Technologie ist da und wird bleiben. ›KI‹ ist aber auch ein Buzzword unter dem ganz verschiedene Technologien und Anwendungen zusammengefasst werden, die manchmal nicht viel miteinander zu tun haben. Vor ein paar Wochen begegnete mir in einem Vortrag eine Grafik, die das Spektrum der KI-Anwendungen visualisieren sollte. Die Grafik ist bei weitem nicht perfekt und es gibt viel was mich daran stört, weshalb ich begonnen habe sie zu überarbeiten und obwohl ich damit noch nicht zufrieden bin, finde ich ist sie schon ein Hilfsmittel, um das Thema greifbarer zu machen:


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KI ist ganz viel: Das Erkennen von Mustern in Datensätzen, das Erkennen von Objekten in Bildern, das Entfernen von Hintergründen aus Bildern, das Erkennen von betrügerischen Überweisungen, das Entfernen von »ähms« und Pausen aus Audio-Aufnahmen, aber eben auch das generieren von Texten und Bildern und noch viel mehr. Allen gemeinsam ist derzeit, dass sie mit Daten trainiert werden, mit vielen Daten, dem sogenannten »Big Data«. Diese werden aus digitalisierten Daten gewonnen, über Bilder, Texte oder Sensoren.


Wie gesagt, die Grafik ist nicht perfekt, aber sie gibt m. M. n. etwas Orientierung wenn es um die Frage geht, um welchen Aspekt von KI oder um welche Art KI-Anwendung es nun geht.


Randnotizen


📼 arte RE: Die Retter von Rumäniens Lost Places: In Rumänien verfallen historische Gebäude. Der Photograph und Urban Explorer Alex Iacob dokumentiert diese Lost Places. Diese kurze Dokumentation folgt ihm und einigen Menschen, die versuchen die Gebäude zu erhalten.


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🎙️ Kreative Krise: Kreative Blockade? Angst vor dem weißen Blatt? Wo bleibt die zündende Idee? In diesem neuen Podcast von Julia (aka. @jott.kah) geht es um Kreativität und die (regelmäßigen) Krisen, die alle Kreativen in ihrem Schaffen kennen und natürlich darum, wie diese Überwunden werden können. Dazu spricht sie mit kreativen Menschen über ihre Prozesse und Tricks, um aus der kreativen Krise zu kommen.


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🌐 AntiRender: AntiRender ist ein KI-Tool, das hübsche und glattgezogene Architektur-Renderings in Bilder verwandelt, die die Gebäude an einem verregneten Dienstag im November zeigen, inklusive grauer Stromkästen und Schlaglöchern in der Straße.


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📼 WIRED: I Was Trapped In Chinese Mafia Crypto Slavery: Im September empfahl ich euch im untitled-Newsletter #19 den Podcast House Of Scam, der den Strukturen hinter den neuen Betrugsmaschen nach ging. In dieser Reportage folgt WIRED einem Scammer, der es aus einem der Lager schafft, und zeigt wie es vor Ort aussieht.


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📼 Life On Hold: What Does True Solidarity Look Like Beyond Duldung, Camps, Deportation, and Payment Cards?: In diesem Vortrag vom 39C3 geben zwei Flüchtlinge einen Einblick, wie die Lebensrealität in deutschen Flüchtlingsheimen ist. Eine bedrückender aber sehr sehenswerter Vortrag.


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📑 Socket 3: Designing Windows 95’s User Interface: Ein Paper über die Entstehung des User Interfaces und der User Experience (UI/UX) für Windows 95, indem sich viele Ansätze finden, die heute noch relevant sind: Agiles Projektmanagement, schnelles Prototyping und Testen, etc. Ein spannender Einblick in die Entstehung einer der prägendsten Computer-Oberflächen.


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📼 Last Week Tonight: Twitter: John Oliver gibt einen halbstündigen aber sehr unterhaltsamen Abriss darüber, was alles mit Twitter passierte, seit es 2023 von Elon Musk übernommen und zu X wurde. 



Musik zum Ausgang

Eine meiner ersten Entdeckungen, die ich beim Stöbern auf TIDAL fand, war Third Colony. Besonders das Album »Remind Me, So I Can Sleep« (TIDAL, Bandcamp) mit seiner Mischung aus Dark Ambient und Downtempo hat es mir angetan und daraus besonders der Track »Everything Is Calm Now« (TIDAL, Bandcamp). Diesen findet ihr nun auch auf der Playlist zum Newsletter.


Nachwort

In schweren Zeiten nicht die Hoffnung zu verlieren, das ist eine Kunst. Und ich hatte selten das Gefühl, dass der Begriff VUCA (»volatility, uncertainty, complexity, ambiguity«) so gut auf unsere Welt passt wie im Moment. Es hilft mir dann, das haben die letzten Wochen mir wieder gezeigt, mich an kleinen Dingen zu erfreuen: Die ersten warmen Sonnenstrahlen, die durch’s Fenster hereinscheinen; die ersten Schneeglöckchen, die sich blicken lassen; der erste Schluck Kaffee am Morgen oder das Gefühl, wenn der Stift über das leicht raue Papier gleitet. Was sind eure kleinen Momente, die euch Freude bringen?


Beste Grüße

Arne

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