untitled-Newsletter 26

Apr 01, 2026 8:16 am

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Hallo werte Leserschaft,


»Leben ist das, was passiert, während man Pläne macht« – so oder ähnlich heißt ein Sinnspruch, der wohl auf eine Liedzeile aus einem Song von John Lennon zurückgeht. Bei mir ist es aber auch: Leben ist das, was zwischen zwei Newslettern passiert. Und diesen Monat ist viel passiert und über das ein oder andere möchte ich heute für euch reflektieren.


Fragmente

Eine Neuerung in meinem Leben ist nun, dass ich seit Anfang des Monats in einer Position bin, in der der Einsatz von generativen KI-Tools erwartet wird und generative KI-Tools bereites in internen und externen Projekten verwendet oder sogar entwickelt werden.


Auch wenn meine kritische Haltung so gelesen werden kann, lehne ich generative KI-Tools nicht kategorisch ab und habe sie in der Vergangenheit auch immer mal wieder verwendet. Meine kritische Haltung resultiert auch eher aus den überzogenen Versprechen, die im Hype befeuert werden, und den ethischen Fragen, die durch diese neue Technologie entstehen und auf die es (noch) keine befriedigenden Antworten gibt, sowie die rücksichtslose Verbreitung, ohne sich für gesellschaftliche oder soziale Fragen zu interessieren – aber hier sieht man das US-amerikanische Nachsorgeprinzip in voller Wirkung, nur das es weit über die Landesgrenzen hinaus wirkt.

Meine technisch-philosophische Haltung ist immer eine Mischung aus Theorie und Praxis: Ohne sich praktisch mit einer Technologie beschäftigt zu haben, lassen sich nicht alle Grenzen und Fallstricke erkennen und für eine rein theoretische Auseinandersetzung fehlt der Bezug zur Realität; andersherum bleibt eine Praxis ohne Theorie immer nur bei sich, ohne tieferes Verständnis für die Praxis selbst und im Gesamtgefüge der Welt.


Was nun jedoch anders ist, ist die Erwartungshaltung an mich. Und so versuche ich öfter zu überlegen, was sich automatisieren oder vereinfachen ließe oder wo der Einsatz von KI-Tools sinnvoll wäre und beobachte, was um mich herum getan wird. Dabei begegnen mir Widersprüche, moralische Fragen, Sicherheitsprobleme … eben die ganze komplizierte Gemengelage der Praxis.


Ein Widerspruch, der mir in der letzten Zeit immer häufiger Begegnet, ist der des Vibe Codings: ›Vibe Coding‹ ist ein junger Begriff, der die Praxis beschreibt, sich etwas von einer KI programmieren zu lassen. Statt selbst zu programmieren – oder überhaupt programmieren zu können – und sich mit komplexen Konzepten, Problemen oder Tools auseinanderzusetzen, beschreibt man sein Problem oder seine Idee, lässt man sich vom »Vibe« tragen und die KI den Code generieren. Dabei habe ich auch schon einige beeindruckende und solide wirkende Ergebnisse gesehen.

Auf der einen Seite gibt es in der Software-Entwicklung, gerade im B2B- oder im B2C-Kontext, viele abgehangene Konzepte: So braucht i. d. R. jede Webplattform einen Login und Nutzer-Verwaltung, hier alles von Null zu programmieren und sicher hinzubekommen ist aufwendig und schwierig, hier kann und werden KI-Tools viel Standard-Arbeit übernehmen (ob dabei die gängigen Sicherheitskonzepte sauber übernommen werden, steht dabei auf einem anderen Blatt). Deshalb übernehmen viele Programmierer:innen auch KI-Tools in ihre Arbeitsabläufe. Mittlerweile rudern aber viele auch schon wieder zurück, weil sie merken, wie ihnen durch die KI-Tools ihre Fähigkeiten abhanden kommen.


Im UI/UX-Design sieht es ähnlich aus: Viele Websites und Apps folgen einem ähnlichen Aufbau und die Komponenten, wie Buttons, Texteingabe-Felder, etc., sehen ähnlich aus und funktionieren nach den gleichen Regeln. Und diese lassen sich natürlich wunderbar von statistisch-geleiteten Systemen, wie generative KI-Tools es eben sind, generieren. Auch hier werden die Ergebnisse schon als »Junior+ Level« beschrieben und es wird genug Menschen geben, denen das reicht und die auf die ca. 30–40% nötige Verfeinerungsarbeit verzichten werden.


Gleichzeitig gibt es viele repetitive Aufgaben, die wunderbar wären, wenn sie automatisiert werden könnten, wie zum Beispiel das Zusammenfassen von Meetings und das generieren von Protokollen: Zweifelsohne eine sinnvolle und nötige Aufgabe, die aber viel Zeit frisst und die ich liebend gerne automatisieren würde. Das wiederum ist nicht so einfach möglich, da man dafür die Einwilligung aller Beteiligten zur Aufzeichnung braucht und sichergestellt sein muss, dass Audioaufzeichnungen nicht in den Trainingspool übernommen werden, sowie, dass die Tools generell DSGVO-konform sind und Personendaten und Unternehmensgeheimnisse wahren.

An dieser Stelle kippt für mich die Absurdität auch in eine gewisse Verbitterung: Die Prozesse, die kreativ und interessant sind, bei denen Kreativität und Handwerk zusammenkommen, werden automatisiert und entwertet; die Prozesse, die aufwendig und nervig sind, dürfen nicht automatisiert werden, weil die sichere Verarbeitung der Daten nicht gewährleistet ist.


~


»AI is here to create customer value«, ist eine Aussage, die mir an einer anderen Stelle begegnete, und die die Verwendung von KI-Tools noch mal in eine andere Perspektive rückt, die zwar auch klar einer kapitalistischen Marktlogik folgt, die aber über einen reinen Selbstzweck hinaus geht.


Im The Guardian erschien dazu letzten Monat auch ein Artikel vom ehemaligen US Secretary Of Labor Robert Reich, der darin zu bedenken gibt:


The real question is whether AI’s productivity gains, if it delivers, are shared with workers. And the truth is employers won’t share those gains unless they’re forced to.


Passend dazu sah ich diesen Monat die restaurierte Version von Fritz Langs »Metropolis« im Kino. Der Film ist eine wirklich treffende Parabel auf unsere Zeit. Und das obwohl der Film nächstes Jahr 100 Jahre alt wird!


Der Film endet – und ich entschuldige mich für den Spoiler – trotz aller Benennung von Missständen nicht in einer fundamentalen Maschinen- und Kapitalismuskritik, sondern in einer Versöhnung zwischen Kapital und Arbeitskraft:


Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein!


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Anfang des Monats hatte ich ein Gespräch über den »pile of shame« von ungelesenen Büchern; in manchen Communities auch nur »Stapel ungelesener Bücher« (SuB) genannt. Vor einigen Jahren habe ich dazu einen sehr tröstlichen Gedanken gehört, der für mich die Idee von einem »pile of shame« gänzlich zunichte und mir meinen Frieden mit meinen ungelesenen Büchern gemacht hat:


Bücher sammeln, ist wie Wein sammeln. Man sammelt nicht, um sofort zu konsumieren, sondern um im rechten Moment konsumieren zu können.


Auf Reddit stieß ich diesen Monat auf einen ähnlichen Gedanken:


Ein gänzlich gelesenes Bücherregal bedeutet den Tod der Neugierde.


Also: Schämt euch nicht für eure ungelesenen Bücher, sondern freut euch darauf, wenn der Moment gekommen ist, um es zu lesen. Und nimm das Buch mit, auch wenn du es nicht sofort ließt, sei neugierig, der Moment dafür kommt noch!


Randnotizen

🖼️ @cats_of_brutalism: Katzen, die auf und in brutalistischen Gebäuden sitzen, wie auf Kratzbäumen: »your daily dose of cats and concrete«.


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📼 A Day In The Life Of An Ensh*ttifactor: Im letzten Newsletter habe ich kurz über das Konzept der ›Enshitifcation‹ gesprochen, bei dem digitale Produkte bewusst schlechter werden, um mehr Gewinn zu produzieren. Nun hat die norwegische Verbraucherschutzbehörde die Kampagne »Breaking Free« dagegen und für mehr Verbraucherschutz gestartet, mit diesem sehr unterhaltsamen Clip als Aufhänger.


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📼 Epicurious: 14 Chefs From 14 Countries Make Tea: 14 verschiedene Tee-Varianten aus 14 verschiedenen Ländern: Von traditionell chinesischem und japanischem Tee, über Chai aus Indien, Mate aus Südamerika bis zu Tees mit eher ungewöhnlichen Hauptzutaten wie Hibiskusblüten (Mexiko) oder Apfelschalen (Österreich).


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📼 Why Dictatorships Look The Same: Adam Something breitet seine Theorie aus, wie politische Systeme und urbane Strukturen zusammenhängen und warum Autokratien neue, segregierte Städte am Reißbrett planen und warum alte, gewachsene Städte die Demokratie fördern. Wie immer bei Adam Something spitz und pointiert präsentiert; »take it with a grain of salt«, wie man so schön im Englischen sagt.


Musik zum Ausgang

Der ikonische Soundtrack von Metropolis halte in mir nach und deshalb landet dieses Mal das »Metropolis Thema« aus dem Auftakt auf der Playlist zum Newsletter; komponiert von Gottfried Huppertz, interpretiert für die restaurierte Fassung vom Radio-Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Frank Strobel.


Nachwort

Ach, ach, es gibt noch so viel, worüber ich sinnieren möchte und es gäbe noch vieles zu sagen, aber ich belasse es nun dabei und überlasse zum Schluss dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff das Wort:


[…] und eigentlich ist Achtsamkeit übersetzt das Wort ›Wokeness‹. Und ich verstehe nicht, warum nicht alle Menschen sagen, sie sind woke. Weil prinzipiell ja alle Menschen achtsam sein sollten. Wenn sie es sind, dann sind viele Probleme dieser Welt gelöst […]


Beste Grüße

Arne

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