Briefe an Irene XVII - Dezember 2025

Dec 22, 2025 3:52 pm


Wuppertal, 22. Dezember 2025


Liebe Irene,


dieses Jahr kommt meine Weihnachtspost reichlich spät, eher habe ich es leider nicht geschafft. Es war einfach alles zu viel in den letzten Wochen, dazu kam, dass ich auch noch ein ganzes Wochenende krank war.


Jetzt nehme ich mir ein wenig Zeit für Dich. Wie geht es Dir denn? Musst Du Dich noch um viele Weihnachtsgeschenke kümmern? Hast Du einen Weihnachtsbaum gekauft?


Wir sind wie immer beim Baum auf die letzte Minute unterwegs, ich weiß auch nicht, was wir noch zum Schmücken haben. Und Du kennst das wahrscheinlich, jedes Jahr nimmt man sich vor, es mit den Geschenken nicht zu doll zu treiben, und dann findet man doch noch dieses und jenes, dann das noch und diese und jene Freude will man auch noch machen.


Aber irgendwie gehört das zu Weihnachten dazu, dieses Kümmern vorher, ein schönes Essen und dann die Bescherung, zu der immer ein Glöckchen rief. Es ist das erste Mal, das wir Heiligabend ganz alleine, ohne Dich und Deine Schwester, verbringen.


Und ich werde mich kurz fassen.


Ich habe lange überlegt, über was ich in meinem letzten Newsletter des Jahres so schreiben könnte, und tatsächlich habe ich festgestellt, dass ich wenig zum Weihnachtsbaum schreiben kann, aber einiges zu Fichten. Und diese Stellen habe ich einmal herausgesucht. 


Da ist zum Beispiel diese schöne Szenerie, die Brat Harte (1836 - 1902) in seiner Kurzgeschichte ›Salomy Janes Kuß‹ aufgeschrieben hat:


»Es war eine helle Mondnacht. Zwei Fichtenbäume, Vorposten ihrer Gefährten im nahen Walde, standen wie Wachen vor dem Eingang und warfen lange Schatten wie eine Straße zum Hause und brachten ihren würzigen Duft zu den Fenstern herein. (...) Doch der Mondenschein hatte alle Herbheit gelockert, hatte die scharfen Konturen der Dächer gemildert, die nackten Fenster in wohltuende Schatten gehüllt, den Bauschutt und die Spuren niedergebrannten Gestrüpps vor dem Hause magisch verzaubert.«


Und ich merke schon, wie ich bei der Lektüre ein wenig in weihnachtliche Stimmung komme. Das muss die Erwähnung des würziges Duftes sein. Und in fast allen Weihnachtserzählungen sind es doch die im verschneiten Wald liegenden Häuser, durch deren Fenster man die Menschen gemütlich zusammen sitzen sieht. Dies scheint eine Sehnsucht in uns zu sein. Als Gustav Mahler für einen Satz noch Glockentöne brauchte, fuhr er zu einem Glockengießer in Zehlendorf. Er schreibt:


»Als ich in Zehlendorf, so heißt der Ort, ankam und durch Tannen und Fichten, ganz von Schnee bedeckt, meinen Weg suchte, alles ganz ländlich, eine hübsche Kirche im Wintersonnenschein fröhlich funkelnd, da wurde mir wieder weit ums Herz, und ich sah, wie frei und froh der Mensch sofort wird, wenn er aus dem unnatürlichen und unruhevollen Getriebe der großen Stadt wieder zurückkehrt in das stille Haus der Natur.«


Die Stille nach dem Lärm. Ich bin dankbar dafür, wie ruhig wir es hier in Cronenberg in der zweiten Reihe gefunden habe. Das merke ich jedes Mal, wenn ich mich in den Lärm der Großstadt wage.


Und Sarah Orne Jewett (1849 - 1909) wies den Fichten eine außerordentliche Willenskraft zu, die dem Menschen Trost bieten könnte:


»Sehen Sie, da kommen schon die kleinen spitzen Tannen und Fichten grün und kräftig den Hügel raufspaziert: die haben jetzt ihren Willen bekommen! Manchmal hat's den Anschein, als ob die wilde Natur wegen einer bestimmten Stelle neidisch wird (...) Ich blicke den Abhang hinab, und mir war zumute, als ob schließlich auch wir umzingelt und überwältigt würden, wenn wir uns hier zu lange verweilten. Die stämmigen kleinen Bäume wiesen eine Wachstumskraft, eine Zähigkeit und Wildheit auf, die den Menschen in ihrer Schwäche Trost boten. «


Zähigkeit, aber auch Wildheit. Bei der Weihnachtsfeier Deiner Schwester im Advent habe ich erlebt, wie viel Leben und Lebenskraft selbst in den manchmal so müde wirkenden Altenheimbewohner*innen steckt. Lange hat mich nichts mehr so erfrischt wie diese Weihnachtsfeier. 


Für das neue Jahr werden wir viel Zähigkeit brauchen, aber auch Wildheit. Wir müssen öfter aus unseren Konventionen und Gewohnheiten ausbrechen. Dann haben wir mehr vom Leben und auch mehr Zeit.


Ich wünsche Dir schöne Festtage, schöne Momente und bleibende Erinnerungen mit den lieben Menschen, die Du an den Feiertagen um Dich hast.


Für das neue Jahr nur einen guten Vorsatz, das reicht, eine bleibende und gute Gesundheit und viel Erfolg und Glück im Schaffen.


»Glücklich jene, die im gegenwärtigen Augenblick leben können!«


Alles Gute! Dein dankbarer Neffe Thomas


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Quellen:


Harte, Bret; Coudenhove-Kallergis, K. (Übers., Hrsg.) : Salomy Janes Kuß. In: Kalifornische Erzählungen. Manesse Verlag, Zürich 1968.


Mahler, Gustav; Mahler, Alma Maria (Hrsg.) : Gustav Mahler Briefe. Paul Zsolnay Verlag, Berlin - Wien - Leipzig 1924. Quelle: https://archive.org/details/gustavmahlerbrie0000alma/ (Besucht am 7. April 2025)


Jewett, Sarah Orne; Schnack, Elisabeth (Übers.) : Das Land der spitzen Tannen. Zürich: Manesse Verlag, 1961. Mit einem Nachwort von Elisabeth Schnack.


Emerson, Ralph Waldo; Brôcan, Jürgen (Übersetzer) : Tagebücher: 1819 - 1877. Erste Auflage. Berlin: MSB Matthes & Seitz Berlin, 2022.

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