Briefe an Irene XIX - März 2026

Mar 09, 2026 1:01 pm


Wuppertal, 09. März 2026


Liebe Irene,


wie geht es Dir? Genießt Du das schöne, sonnige frühfrühlingshafte Wetter oder schaust Du sorgenvoll nach oben in den klaren sich wölbenden Himmel, auf der Suche nach lange benötigtem Regen? Unbestreitbar ist für mich, dass die Sonnenstrahlen und das uns umschmeichelnde klare Licht der letzten Tage sehr wohltuend waren. Und so habe ich schon viel Zeit im Garten verbracht und habe schon so Einiges erledigen können. 


Hast Du selbst auch die Zeit genutzt, und warst ein wenig draußen unter freiem Himmel. Eine Dozentin hat mir, der ich im Winter immer unter Depressionen leide, einmal geraten, mir ein Haus oder eine Wohnung zu suchen, die möglichst weit oben liegt, mit freiem Blick auf den Himmel und das an ihm jeden Tag stattfindende Schauspiel des Wetters zu sehen. Dies nun zu haben, aber auch schon seit über zwanzig Jahren an diesem Haus zu arbeiten und arbeiten zu dürfen ist für mich sowohl ein großer Luxus als auch zuweilen eine unbestreitbare Last.


Du wirst Dich bestimmt gerne an die Worte aus meinem Brief von September 2024 erinnern? »Der Umfang des Anwesens betrug einen halben Morgen, gerade die richtige Größe für das, was General Ople mit seiner Liebe umfassen konnte.« So lange dieses Zitat in meinem Zettelkasten ist, so lange denke ich bei vielen Gelegenheiten darüber nach. Zum Beispiel wenn ich bemerke, dass mein Chef immer mehr und häufiger unterwegs ist, wenn ich mir meine Forschungsfragen zu breit ausdenke — hat nicht jedes ideale Arbeitsfeld gerade jene Größe, dass wir es mit unserer ganzen Liebe umfassen können? Ich freue mich darüber, dass mir der Manesse-Verlag mit den Kurzgeschichten von Meredith die Gelegenheit gegeben hat sein Werk zu entdecken und diese tiefgründige Weisheit zu finden.


Heute gab mir das Leben einen Hinweis, wie sehr uns doch manchmal unsere Erinnerung trügen kann, dabei ist nicht einmal sog. künstliche Intelligenz im Spiel. Heute ist über Nacht tatsächlich die erste Magnolienblüte aufgesprungen. Ich dachte gleich, so früh? So früh war die Magnolie aber noch nie dran. Weit gefehlt, lieber Thomas, magst Du gerne ausrufen, liebe Tante!


Leider reichen meine Aufzeichnungen noch nicht durchgehend zurück, aber für den 3. März 2024, also vor zwei Jahren, habe ich notiert: »Die ersten Magnolienblüten sprengen ihre Kapseln auf.«. Und das war fünf Tage früher als in diesem Jahr. Alles sprießt und keimt um die Wette. Vor allem leider auch das teuflische Springkraut, von dem ich in den letzten zwei Tage zwei Eimer ausgehackt habe. Und meine Arme legen Zeugnis vom Rosenschneiden ab, als hätte ich mich in eine Klause zur Selbstkasteiung begeben.


Hecke und Rosen sind frisch geschnitten, mit hinreichend Dünger hoffe, ich den Gartenpflanzen einen guten Start ins neue Gartenjahr verschafft zu haben. Besondere Hingabe wende ich dem Ziersalbei zu, der bei uns im Garten sehr unter der winterlichen Nässe leidet, ihn hacke und belüfte ich so oft wie möglich. Die im letzten Jahr gepflanzte Katzenminze zeigt die ersten kleinen Triebe und die Rosen sind in den letzten drei Tagen fast 10 cm aus ihren Trieben förmlich herausgeschossen. 


Ich liebe unseren Garten und manchmal denke ich, er liebt mich zurück. Über Henry David Thoreau (1817 - 1862) schrieb Nathaniel Hawthorne, der Verfasser von »Der scharlachrote Buchstabe«, »Das Haus mit den sieben Giebeln«, am Donnerstag, 1. September 1842 in sein Tagebuch: »Gleichermaßen sind Pflanze und Blume, wo immer sie sprießen, ob im Garten oder in der Wildnis, seine engen Freunde.« 


Jetzt habe ich in den Zettel eine kleine Notiz geschrieben, dass ich ihn in diesem Brief verwendet habe. Und lese die Notizen und Verlinkungen, die ich mir dazu notiert habe. Die kluge Bettine von Arnim schrieb: »Eine Blume ist ja nur ein Fragezeichen der Natur. – Die ganze Natur ist Sprache, die Blume ist ein Wort, ein Ausdruck, ein Seufzer ihrer vollen Brust! – Ja, die Blume spricht auch für sich zu Dir, aber die ganze Natur bedarf ihrer, um sich selbst auszusprechen, und alles Sein ist ihre Sprache. So redet die Natur mit dem Geist!« Als hätte sie Gustav Mahler ein Stichwort gegeben. In Steinbach am Attersee notiert er am 18. Juli 1896, »Meine Symphonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat! Die ganze Natur bekommt darin eine Stimme und erzählt so tief Geheimes, das man vielleicht im Traume ahnt! Ich sage Dir, mir ist manchmal selbst unheimlich zumute bei manchen Stellen, und es kommt mir vor, als ob ich das gar nicht gemacht hätte.« Am 8. Juli 1896 beendete er die Arbeit an der umfangreichen Komposition der 3. Sinfonie in d-Moll. Der zweite Satz hätte den programmatischen Titel tragen sollen: ›Was mir die Blumen von der Wiese erzählen‹, ein pastorales, ländliches Motiv. Gustav Mahler soll gesagt haben: »Die Symphonie muss sein wie die Welt. Sie muss alles umfassen.« Owen Schur schrieb über das Pastorale, das Ländliche: »In der Pastorale geht es, vielleicht mehr als in jeder anderen Gedichtform, um Stimmen: etwas zu Gehör bringen, Stimmen hören, antworten.«


Wir scheinen das Zuhören verlernt zu haben. was meinst Du? Die Natur erzählt uns jeden Tag von sich, und was tun wir? Bauen die nächste Automobilfabrik.


Apropos Zuhören. Neulich fand ich in einem wirklich ausnehmend schönen Roman die bisher vielleicht schönste Metapher dafür, was es bedeutet, sich wirklich ganz und gar, mit Haut und Haar, mit Verstand und Seele auf unser Gegenüber einzulassen. Und auf eine ganz charmante Art und Weise. Zwar hat es viel mit dem Begriff des Gentleman zu tun, ich finde aber es ist erlaubt, das Geschriebene eher im Sinne von gentle zu verstehen. Aber hier erst einmal das Zitat, es fällt etwas länger aus, der Verlag möge mir das bitte nachsehen. (Die gebundene Ausgabe ist neu leider vergriffen)


»Wenn Sie so freundlich wären«, sagte der Graf und reichte Andrei eine der Kognakflaschen. Dann kniete er sich vor den Attachékoffer, öffnete die Verschlüsse und klappte ihn auf wie ein riesiges Buch. Darin waren zweiundfünfzig Gläser untergebracht - oder besser, sechsundzwanzig Gläserpaare - jedes für seinen Verwendungszweck geformt, von der bauchigen Form des Rotweinglases bis hin zu den entzückenden Gläschen für die farbenprächtigen Liköre Südeuropas. Wie es dem Geist der Stunde entsprach, nahm der Graf irgendwelche vier Gläser und verteilte sie, und Andrei, der den Korken schon aus der Flasche gezogen hatte, schenkte ein.«


Amor Towles, Ein Gentleman in Moskau, Berlin 2017


Es ging mir erst später auf der Seite auf, wie man das verstehen kann. Denn zwei Gläser benötigt man nur, wenn man mit jemandem zusammen trinkt. Und für diesen Zweck hat man immer ein passendes Glas - jedes für den Verwendungszweck geformt. Eine wandelbare Seele ist dieser Attachékoffer, immer bereit sich an die Situation anzupassen, ganz gentle zu sein.


Gentle im Sinne von nachgiebig, in der Stimme oder im Auftreten, ganz ohne harte Kante und niemals aggressiv. Ganz behutsam zu sein und rücksichtsvoll. Gentle sein bedeutet, die bewusste Entscheidung zu treffen, vorsichtig mit anderen umzugehen, höflich und sanft. In seinem Auftreten souverän zu sein, zwar niemandem zum Gehorsam oder zur Rechenschaft verpflichtet, aber trotzdem flexibel und gewandt, mit jeder Situation umzugehen. Sich scheinbar mühelos zu verhalten, ohne jede Anstrengung. Und lind zu sein, also milde, sanft und gütig. Der Grimm nennt hierfür, gütig »im sinne 'freundliche, wohlwollende, liebreiche, sanfte, milde gesinnung habend oder beweisend. Ein Mensch, der sich verhält wie mildes Kontinentalklima, weder richtig heiß noch ungemütlich kalt. Im gentle-Sein beweist man mit einem Mangel an Strenge Nachsicht mit den kleinen Fehlern und Unpässlichkeiten des Gegenübers. Versucht milde im Urteil zu sein, weil man doch nicht alle Gründe für das Verhalten versteht. Gentle ist, wer sich eher still zurückhält als sich laut vorzudrängen. Es ist Überzeugung durch Ruhe. Und tatsächlich kommt nun auch noch ein Wort aus der Weinansprache ins Spiel, gentle ist, wer mild gereift, gut trinkbar ist. Ohne die Schärfe der Jugend weiß man durch entspannte Gelassenheit eine Stärke zu zeigen, die frei ist von Stress oder Hektik.


Kein Wunder, dass dieses Verhalten der Oberklasse Englands besonders leicht fiel. Entspannte Gelassenheit zu üben fällt mit einem weichen finanziellen Polster leichter. So ist und bleibt für mich immer der adlige Detektiv in Dorothy Sayers Geschichten der Prototyp des gentle man, aber der ebenso adlige, durch die Revolution aber enteignete und zum Zwangsaufenthalt in der Dachkammer des Hotel Metropol verpflichtete Graf Alexander Rostow macht ihm diesbezüglich große Konkurrenz. Ich finde es interessant, dass Joan Aiken es geschafft hat, einigen ihrer weiblichen Hauptfiguren Züge zu verleihen, die ebenso nachsichtig, geduldig, sanft, gelassen - und gütig, ja ganz und gar gentle sind. Sogar in Ralph Waldo Emersons Tagebüchern habe ich zwei Zitate zum Thema notiert: »J.L. sagt, ein Gentleman macht keinen Lärm.« (s. 70, zwischen 1824 – 1836 notiert, dem Architekten Joseph Lyman Silsbee zugeschrieben) und im selben Zeitraum notierte Emerson: »Das Markenzeichen eines Gentleman ist ein Antlitz in fröhlicher Ruhe, das zu verstehen gibt, das er sich bei sich selbst daheim fühlt.«


Möchten wir das nicht alle über uns selbst sagen können? Und wonach suchen wir dann die ganze Zeit?


Es ist mir bewusst, dass der Gentleman als Charakter ein mit dem männlichen Geschlecht verbundenes Stereotyp ist, ein klassistischer Begriff, eine Rolle, zu der die meisten anderen Schichten und Geschlechter keinen Zugang hatten. In seinem Verhalten liegen, meiner Meinung nach, aber menschliche Züge verborgen, die sich ohne adlige von oben herab Attitüde gerne mehr in der Gesellschaft finden dürfen, ganz unabhängig von Geschlecht oder Einkommen.


Das Buch »Ein Gentleman in Moskau« hat mir in jedem Fall ganz ausgezeichnet gefallen, es sind aber leider noch sehr sehr viel mehr Zitate aus ihm herauszuschreiben. Das Buch ist an seinen Rändern zugeklebt wie ein 100 Jahre altes Rentenmarkenheftchen. Es wird meinen Zettelkasten um so manche Perspektive bereichern.


Liebe Irene, ich hoffe, Du genießt die schönen Tage, die kommende Zeit des Aufbruchs und des Neuanfangs. Genieße die warmen Strahlen der Sonne, die nicht umsonst für uns scheint, sondern eher dem Anschein nach aus voller Absicht.


Absicht ist ein gutes Stichwort, wir sollten mehr mit Absicht leben. Das gilt nicht für Dich, Du hast immer aus voller Absicht gelebt, mit großer Güte und einem schier endlos Energie und Liebe versprühendem Herzen heraus. 


Schön, dass es Dich gibt!


Mit den liebsten Grüßen, 

Dein treuer Neffe Thomas


P.S. Bleib weg von offenen Fenstern






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Quellen:


»Der Umfang des Anwesens betrug einen halben Morgen, gerade die richtige Größe für das, was General Ople mit seiner Liebe umfassen konnte.« — Aus: Meredith, George : General Ople und Lady Camper. In: Kraushaar, Richard (Hrsg.) : Englische Erzähler 2 – Von Georg Meredith bis Evelyn Waugh. Manesse-Verlag, Zürich 2006, Seite 7.


»Eine Blume ist ja nur ein Fragezeichen der Natur. – Die ganze Natur ist Sprache, die Blume ist ein Wort, ein Ausdruck, ein Seufzer ihrer vollen Brust! – Ja, die Blume spricht auch für sich zu Dir, aber die ganze Natur bedarf ihrer, um sich selbst auszusprechen, und alles Sein ist ihre Sprache. So redet die Natur mit dem Geist!«

Arnim, Bettina von; Reich, Willi (Hrsg.) : Lebensspiel. 2. Aufl., 10.-13. Tsd. Manesse-Bibliothek der Weltliteratur. Manesse-Verlag, Zürich 1985., S. 131


»Meine Symphonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat! Die ganze Natur bekommt darin eine Stimme und erzählt so tief Geheimes, das man vielleicht im Traume ahnt! Ich sage Dir, mir ist manchmal selbst unheimlich zumute bei manchen Stellen, und es kommt mir vor, als ob ich das gar nicht gemacht hätte.«

Mahler, Gustav; Mahler, Alma Maria (Hrsg.) : Gustav Mahler Briefe. Paul Zsolnay Verlag, Berlin - Wien - Leipzig 1924. Quelle: https://archive.org/details/gustavmahlerbrie0000alma/ (Besucht am 7. April 2025)


Schur, Owen : Victorian Pastoral - Tennyson, Hardy and the Subversion of Forms; Ohio State University Press; Columbus 1989


Towles, Amor; Höbel Susanne (Übers.) : Ein Gentleman in New York. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017.


„gütig, adj.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/25, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=G32715>, abgerufen am 08.03.2026.

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