Briefe an Irene XVIII - Februar 2025
Feb 09, 2026 11:05 am
Wuppertal, 09. Februar 2026
Liebe Irene,
wie geht es Dir? Hier blinzelt die erstaunlich helle Sonne durch meine Bürofenster und wirft ein fragendes Licht auf die Unordnung, die in meinem Büro herrscht. Nimmst Du Dir die Zeit für den einen oder anderen Spaziergang in dem gleißenden Schein da draußen?
Ich muss Dir leider schreiben, dass mir im Moment eigentlich alles zu viel ist. Sowohl die Arbeit in der Uni, die für mich eine echte und neue Herausforderung ist, als auch mein Privatleben, in dem ich mich mit zu vielen selbst gesteckten Zielen belaste. Es ist mir alles zu viel. Der Sturm an schlechten Nachrichten, der uns jeden Tag aus dem Blätterwald der Zeitungen entgegenschlägt, die mindestens wöchentliche Verhöhnung durch unsere aktuelle Bundesregierung, die sich an den rechten Rand anschmeichelnden öffentlich-rechtlichen Medien, die Haltungslosigkeit vieler Menschen, der Niedergang unserer einstmals guten Gesundheitsversorgung, meine eigenen gesundheitlichen Probleme und die damit einhergehenden dauernden Termine, meine eigenen Pläne, das Haus, der Garten ... Wie Du ja weißt, werde ich in diesem Jahr 60 Jahre alt und zum eigentlich wirklich ersten Mal kommt bei mir das Gefühl auf: Mensch, Du schaffst nicht mehr so viel wie mit 38.
Jetzt bitte nicht lachen.
Wie Du mich ja kennst, stecke ich mir meine Ziele immer sehr hoch, und jetzt stelle ich plötzlich fest, ich kann sie nicht mehr alle erreichen. Dadurch entsteht zu wenig Glück und um es mit einem Zitat aus der Lebensmittelbranche zu formulieren, ich muss kleinere Brötchen backen. Jetzt muss ich schmunzeln, denn es erinnert mich an die ganzen wunderschönen Charakterisierungen denken, die ich in Bezug auf Lebensmittel in den letzten Wochen und Monaten gelesen habe. Zumindest die Bücher halten das fragile Gespinst meiner Seele weiterhin aufrecht und ich habe viel gelesen.
So schrieb Rosetta Loy in Straßen aus St
»Sie mischte Sätze in Dialekt mit Sätzen auf französisch, und ihre Hände bewegten sich, als seien sie aus Butter, so fett, daß der Besteckgriff darin verschwand.«
Und mit dem Brötchen bekam ich es in einer Kurzgeschichte von Susanna Clarke zu tun
»Ein Mann lief auf sie zu. Er war ein höchst sonderbares Individuum. Seine Augen waren klein und praktisch farblos. Seine [[Nase]] hatte die [[Form]] eines kleinen Brötchens, und seine [[Ohr]]en - die rund und rosa waren - mochten an einem Baby hübsch aussehen, wirkten an ihm jedoch überaus unpassend. Am eigenartigsten aber war, wie sich **Augen und Nase in der oberen Hälfte seines Gesichts drängten**, da sie vermutlich mit seinem Mund gestritten hatten, der einen eigenen Platz auf halber Höhe des Kinns gefunden hatte. Er war sehr schäbig gekleidet, und sein hutloser Kopf war mit blassen Stoppeln bedeckt.«
Im Gesicht ein Gedränge. Alles rund und rosa. Eine schöne Alliteration. Und ich sage Dir, hast Du Dich selbst erst einmal darauf trainiert solche Stellen zu erkennen, schon stehen sie Dir in jedem Text ganz klar vor Augen. Meisterhaft findet man es in den Geschichten von Carlos Ruiz Zafón, der Gesichter hervorragend in den Kontext von Lebensmitteln definiert, auch wenn uns dabei manchmal der Appetit vergeht. Oder wenn es um besondere Weichheit geht, dann sind es eben die Hüften die wiegen, als wäre ein Baiser zur Tür hereingekommen (In. Der Schatten des Windes)
Ebenfalls von Zafón stammt dieses Zitat:
»Sagen Sie, geht es Ihnen auch wirklich gut? Ihr Gesicht hat die Farbe von galicischem Tetillakäse.«
Da musst ich mir die Farbe dieses Käses erst einmal heraussuchen. Der Queso Tetilla ein ein galicischer Kuhmilchkäse mit einer Farbe von sehr reifem Gouda. Wenn ein Holländer dieses Buch geschrieben hätte. Aber auch Susanna Clarke hat die Vorteile von Käse für die Beschreibung der menschlichen Gesichtsfarbe für sich entdeckt, in der gleichen Sammlung von Kurzgeschichten schreibt sie:
» (...) Gesicht geformt wie ein Löffel und von der Farbe grünen Käses (...) «
Dann habe ich in Dezember und Januar versucht meine Lektüre von Joan Aikens Werk zu vertiefen und zu erweitern. Joan Aiken, eine britische Schriftstellerin mit einem breiten und unglaublich facettenreichen literarischen Schaffen schrieb nicht nur Kinderbücher, Mystery- und Fantasygeschichten, sie hat auch eine große Anzahl von sehr interessanten Romanen geschrieben, die sich zum Teil auf Figuren aus Jane Austen beziehen. Sie setzt einfach die Lebensgeschichten von Nebenfiguren fort. Ich persönlich lese ihre Bücher hauptsächlich deswegen gerne, weil sie sich in liebevoller Weise ihren der Welt ausgesetzten Figuren zuwendet. Und Sprache und die Übersetzung finde ich meistens sehr gut gelungen.
Auch sie hilft sich mit Lebensmitteln beim Charakterisieren von Romanfiguren, hier zum Beispiel in der Vorstellung eines Mannes namens Thomas Palgrave in ihrem Roman »Die Fünf-Minuten-Ehe«:
»Die Hand, die ihre umschloß, war so feucht, daß sie eher das Gefühl hatte, kalten, gekochten Lauch zu berühren. Delphie starrte diesen Mann verwundert an, der sich einen so großen Namen in der Literatur gemacht, zehn Kinder gezeugt und dann, wie es schien, seine eigenen Affairen so schlecht geregelt hatte, daß er an dieser trostlosen Stätte geendet war. In einen verblaßten Samtmantel gehüllt und eine Nachtmütze auf dem Kopf, saß Thomas Palgrave auf einem kleinen Lehnstuhl in der Nähe der Feuerstelle, an der sich sein ältester Sohn mit Zündhölzern und Papier abmühte. Thomas Palgrave mochte um die Mitte vierzig sein. Sein Gesicht war bartlos, schmal, von einer durchsichtigen Blässe, aber faltenlos; seine Nase war dünn und gerade, die Farbe seiner Augen von einem trüben Graublau, das Haar dünn und schütter und von einer fahlen Farbe, irgendwo zwischen Grau und Blond. Sein Mund war sehr klein, zu klein, dachte Delphie, um irgendeinen Ausdruck zu vermitteln, höchstens den müder Verdrossenheit.«
Der Lauch und die Verdrossenheit passen doch wirklich ausgezeichnet zusammen, oder?
Auch Nüsse und Mandeln scheinen sehr beliebt zu sein. Im gleichen Roman gibt es gleich zwei Beispiele dazu:
»›Ja, wenn meine Verwandten mich überhaupt empfangen, dann habe ich das bestimmt nicht meinem Aussehen zu verdanken‹, stimmte Delphi zu, und ihr Spiegelbild bestätigte ihre, daß ihr Gesicht so schmal und weiß wie eine Mandel geworden war, und daß die tiefen Schatten um die Lider ihre grauen Augen übergroß aussehen ließen.«
Und später begegnen uns die Haselnüsse in
»›Ihre Augen sind so groß wie Haselnüsse, und Sie haben nicht mehr Farbe im Gesicht als das Bettlaken. Nun gut dann - aber morgen möchte ich eine hübsche runde Geschichte hören, vergessen Sie's nicht.‹ ›Die sollen Sie haben!‹ Delphie zog das alte, zerschlissene, aber nach Lavendel duftende Bettuch bis unters Kinn und schloß die Augen. «
Wenn ich an die Menge der Lebensmittel und Möglichkeiten denke, dann habe ich noch nicht genug gelesen – wann hat man das jemals – und die Schriftsteller haben es noch nicht ausgeschöpft. Das ist ja gerade das schöne in der Literatur.
Und Joan Aiken hat mich mit ihren schön gestalteten Geschichten auf etwas gebracht, dass ich als Konzept, als Gefühl, als Zuwendung und Bereicherung fast vergessen habe. Die Güte.
Darüber werde ich hoffentlich bald etwas im Blog schreiben. Zur Güte. Und zur Würde.
Beides Haltungen die wir wohl schon zu weit aus unserem Leben und dem Alltag verdrängt haben. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.
Ich freue mich, dass es Dich gibt! Genieße die kommenden schönen Tage, dass die Sonne länger scheint und die Tage der Nacht jetzt ihre Zeit abtrotzen.
Bleib gesund und alles Gute! Dein dankbarer Neffe Thomas
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P.S. Leider ist das Lektorat verreist und alle Rechtschreibfehler gehen alleine auf mein Konto
Quellen:
Loy, Rosetta; Pflug Maja (Übers.) : Straßen aus Staub. 2. Aufl. Übersetzt von Maja Pflug. Arche Verlag, Zürich 1989. S. 59
Clarke, Susanna; Grube, Anette (Übers.) : Die Damen von Grace Adieu - Erzählungen. Berlin Verlag, Berlin 2006. S. 188 und S. 48
Ruiz Zafón, Carlos; Schwaar, Peter (Übers.) : Der Schatten des Windes. 1. Auflage. Übersetzt von Peter Schwaar. Insel-Verlag, Frankfurt am Main, 2003. S. 170
Aiken, Joan: Die Fünf-Minuten-Ehe. Roman, Übersetzt von Helga Herborth. Diogenes-Verlag, Zürich 1993. S. 193, S. 41 und S.102
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