untitled-Newsletter 23
Jan 02, 2026 12:20 am
Hallo werte Leserschaft,
und ein frohes neues Jahr 2026 euch allen! Was war das wieder für ein Jahr 2025?! Ein Jahr, das sich anfühlte wie mehrere Jahre auf einmal. Persönlich wie weltpolitisch war es ein wilder Ritt. Mit euch möchte ich aber nicht auf das vergangene Jahr zurückblicken – das machen andere an anderer Stelle schon genug –, sondern ich möchte euch, wie jeden Monat, an meinen gesammelten Gedanken und Links aus dem letzten Monat teilhaben lassen. Wenn ihr Gedanken dazu habt oder anderes mit mir teilen möchtet, antwortet gerne einfach auf diese E-Mail.
Fragmente
Anfang des Monats gab es eine Meldung aus den USA, die den meisten wahrscheinlich nur als absurde Kleinigkeit vorkommt: Das Außenministerium der USA wollen wieder die Schriftart »Times New Roman« statt der »Calibri« einsetzen. Diese vermeintliche absurde Kleinigkeit ist aber ein weiteres Indiz für einen Kulturkampf von Rechts und Ausdruck einer ausschließenden Ideologie und vermeintlichen »Volks-Identität«.
Times New Roman ist eine Schriftart, die in die Klasse der sogenannten »Antiqua«-Schriftarten fällt; im Englischen auch als »Serif« bezeichnet, wegen der kleinen Häkchen an den Buchstaben, die »Serifen« genannt werden.
Calibri hingegen ist eine moderne, Serifenlose Schrift, die im Deutschen auch als »Groteske« bezeichnet wird, weil ihr die Serifen fehlen – was offensichtlich grotesk ist; im Englischen werden diese Schriften auch als »Sans Serif« bezeichnet.
Die Times New Roman wurde in den 1930er Jahren für die britische Zeitung The Times entwickelt und in den 1980er Jahren digitalisiert. Da damals aber die Computer und die Schriftprogramme noch nicht so ausgefeilt waren, ist die digitale Umsetzung nicht immer sauber und die Schrift skaliert nicht so gut wie andere Schriften, wodurch sie manchmal schwerer lesbar ist.
Die Calibri hingegen ist eine moderne Schrift vom Typographen Lucas de Groot, die speziell für gute Lesbarkeit auf Computer-Bildschirmen optimiert ist. Durch ihre klare Buchstabenformen ist sie auch gut auf schlechten Bildschirmen oder für Menschen mit Seh- oder Leseschwäche lesbar. Sie ist also schon von der Gestaltung her eine inkludierende Schrift, die Barrieren abbauen soll.
Der Kampf gegen »DEIA« (Diversity, Equity, Inclusion and Accessibility), also alles was Barrieren abbauen und Chancengleichheit herstellen soll – also »woke« ist –, ist hier offenes Programm. Aber es gibt hier weitere Ebenen, die auf die darunter liegende Ideologie schließen lassen:
Es verwundert insofern nicht, als immer dann, wenn es darum ging, »das Nationale« zu mobilisieren, auch die symbolischen Träger der Botschaft [die Schrift] in den Blickpunkt des Interesses rückten.
[Quelle: Andreas Kopp: NS CI: Das visuelle Erscheinungsbild der Nationalsozialisten 1920–1945. Verlag Hermann Schmidt Mainz, 2008. S. 79.]
Das schreibt Andreas Kopp im Kapitel zur Schrift-Verwendung der Nationalsozialisten. Schon lange bevor die Nazis die Macht übernahmen, gab es eine Strömung für eine »deutsche Schrift«, die »volksnah« und entgegengesetzt zur gängigen »elitären« Schrift des Klerus und der Gelehrten sein sollte. Die Rede ist hier von den sogenannten »gebrochenen Schriften«, auch Fraktur oder Gotische Schriften genannt (vgl. »Adhesive Nr. Eight« im Beispiel oben), und den Antiqua-Schriften, die bis ins römische Reich zurück reichen. Die Nazis nutzten die volkstümlichen, gebrochenen Schriftarten um ein Nationalgefühl und Volk zu konstruieren und verteufelten die Anitqua-Schriftarten sowie die Grotesk-Schriftarten, die besonders im verbotenen Bauhaus florierten. Mit der Eroberung Europas wurden jedoch die, außerhalb von Deutschland selten genutzten und schwer lesbaren, Fraktur-Schriften mit dem sogenannten »Schrifterlass« von 1941 verboten und die Antiqua als neue »Normalschrift« eingesetzt.
Hierbei lassen sich einige Parallelen zu heute ziehen und die Ebenen entschlüsseln:
Eine Ebene ist, dass das vermeintlich Bodenständige einer Times New Roman, die gegen eine vermeintlich »woke«, sprich in der Denke: »elitäre«, Calibri ersetzt werden soll. Dadurch soll dann eine Volks-Identität konstruiert werden.
Eine weitere Ebene ist der Rückverweis auf ein anderes, großes Reich in der Geschichte: Times New Roman ist eine Antiqua-Schriftart, die sich, wie der Name schon andeutet, von den Schriften der Römer ableitet. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Inschrift (bzw. Capitalis Monumentalis) am Sockel der »Columna Traiana«. Sie drückt damit Stabilität, Erhabenheit und Macht aus.
Kopp schreibt weiter (S. 82):
Man zeigte sich gerade anfangs bewusst volksverbunden, von gestalterischer Stringenz kann aber nur sehr bedingt und phasenweise die Rede sein.
Das Gleiche lässt sich heute sagen, zumal es sich nur um ein Ministerium handelt, während es an anderen Stellen ganz anders zu geht (vgl. die Propaganda-Website America by Design). Aber der Subtext, der durch die Wahl der Schrift jedem gezeigt wird, ist deutlich und eben nicht nur eine Kleinigkeit. Gestaltung hat Macht.
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Stefan Große Halbuer (aka. Plastic Pen) hat den #Zinuary ausgerufen: Mache im Januar ein Zine! Und teile dein Ergebnis und/oder deinen Prozess unter dem Hashtag #Zinuary.
Stefan will damit an kollektive Kreativaktionen wie dem Inktober oder »Draw In Your Style«-Challenges anschließen, die durch Änderungen in den Social-Media-Algorithmen (wie bei Instagram) weiter in den Hintergrund treten oder eingeschlafen sind. An der Aktion könnt ihr mehr oder weniger aktiv teilnehmen oder es einfach als eure persönliche, kleine Herausforderung sehen, wieder kreativ zu werden. Wie viel ihr wo teilt, bleibt natürlich auch euch überlassen.
Wenn ihr Austausch wollt, dann bietet Stefan auf seinem Discord-Server »House Of Plastic« oder auf Instagram unter dem Hashtag #Zinuary den Raum dafür. Falls ihr Ideen braucht, dann hat Stefan auch eine Prompt- bzw. Ideen-Liste zusammengestellt. Und falls euch die 31 Tage (oder fast nur noch 30 Tage) vom Januar als zeitliche Herausforderung nicht reichen, dann hat Jenni von @zines.cool auch die 10. Zine-Tauschaktion angekündigt: Schickt ihr bis zum 15. Februar 3 Exemplare eures Zines und erhaltet bis Mitte März 3 andere Zines zurück! Es kostet euch nur eure Zeit und Porto.
In der neuesten Folge vom zines.fm-Podcast spricht Jenni auch ausführlich mit Stefan über die Aktion. Hört mal rein, wenn ihr tiefer ins Thema gehen wollt oder ihr Inspiration oder Motivation braucht.
Ich werde den Zinuary als kleine persönliche Herausforderung nehmen, um endlich einer meiner angefangenen Zine-Ideen fertigzustellen. Und um mit dem untitled09-Zine für die 10. Zine-Tauschaktion zu beginnen.
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Im letzten Monat habe ich zwei schöne Vergleiche gehört, die den Umgang mit Technologie in unserer Zeit gut veranschaulichen:
Die Europäische Union will ihre ökonomische Zukunft sichern, indem sie auch in zehn Jahren noch Tastenhandys verkauft. Mit diesem polemischen Vergleich kritisierte Monika Schnitzer, die Chefin der Wirtschaftsweisen, kürzlich die Auto-Politik der EU-Kommission.
Verbrenner-Autos seien wie Tastenhandys, in einer Zeit, in der (fast) kein Handy mehr Tasten hat und (fast) keiner mehr Tastenhandys kauft. Das heißt nicht, dass es keinen Markt mehr dafür gibt, aber der Großteil des globalen Marktes verkauft oder will keine Tastenhandys oder Verbrenner-Autos mehr. Nailed it. Danke Monika.
I’ve been wondering lately if the people who say that they don’t mind AI-generated art, people who say »if it’s good art, it’s good art, doesn’t matter how it’s made«. I wonder if those people would also be okay watching an entirely AI-generated football game.
Die Bildhauerin Maya Rumsey liefert einen plastischen Vergleich, warum KI-generierte Kunst nicht gleich Kunst ist und setzt an einer Stelle an, bei der viele Menschen sehr emotional sind: beim Sport. Ich kenne keinen, der sich gerne ein KI-generiertes Sport-Event ansehen würde oder es hin nähme, wenn seine Lieblingsmannschaft durch KI ersetzt würde. Warum sollten wir es also hinnehmen, wenn Kunst, ebenfalls ein Ausdruck menschlicher Leistung, KI-generiert wird?
Es ist klar: nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich. Aber gute Vergleiche, gute Bilder und Metaphern, haben eine starke Wirkung und können beeinflussen wie wir über Dinge denken und reden. Und hier haben wir zwei Vergleiche, mit denen man über zwei komplexe Themen sehr plastisch reden kann.
Randnotizen
📼 Robert Tolppi: The Adpocalypse Is Coming: Werbung auf dem Computer. Werbung auf dem Smartphone. Werbung auf dem Fernseher. Werbung auf dem Kühlschrank-Display. Werbung auf allen Bildschirmen. Robert Tolppi analysiert ein Phänomen, das sich vor allem in den USA, aber auch in allen anderen Teilen der Welt, ausbreitet und das er »Ad Invasion« nennt: Werbung wird uns auf allen Bildschirmen angezeigt und unsere Nutzungsgewohnheiten für genaueres Targeting verwendet. Bei manchen Geräten wird Werbung als zweites Geschäftsmodell, neben dem eigentlichen Gerät, entdeckt; manche Geräte sind bereits so günstig, weil Tracking und Werbung das eigentliche Geschäftsmodell sind. Freiheit von Werbung und Tracking werden zum Lifestyle-Produkt, das man sich leisten können muss – die teureren, werbefreien Abos von Streaming-Diensten und Zeitungen sind bereits ein Indiz dafür.
Und dann gibt es nun technische Ansätze um Werbung mittels generativer KI direkt in bestehende Filme und Serien zu integrieren. Auch wenn es sich dabei bisher nur um technische Experimente handelt, sind die möglichen Folgen erschreckend und werfen viele Fragen auf: Was macht das mit der Integrität des künstlerischen Werks? Was macht es mit Schauspieler:innen, wenn ihnen plötzlich Worte in den Mund und Dinge in die Hand gelegt werden, für die sie nie ihr Einverständnis gegeben haben? Wie sehr werden unsere Wahrnehmung und Erinnerungen verschoben, wenn auf einmal Werbung an Stellen auftaucht, an denen wir sie nicht erwartet haben und sie später wahrscheinlich auch nie wieder finden werden?
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📼 Juniper Dev: The Only Pixel Art Guide You Need (Beginner To Advanced): Im Februar habe ich mit 1 Bit-Grafiken und Pixel Art experimentiert und das untitled-Logo in dem Stil umgesetzt. Nun bin ich über dieses Tutorial von Juniper Dev gestoßen, die in 15 Minuten alle wichtigen Tricks und Kniffe erklärt! Da bekomme ich wieder Lust, wieder mit Pixel Art weiterzumachen.
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📼 Maya Scheffler: Die Verbrechen von Bernhard Blocksberg: Ist euch bei Bibi Blocksberg auch schon aufgefallen, wie sehr ihr Vater, Bernhard Blocksberg, an ihr, an seiner Frau und an der Hexerei generell herumnörgelt? Ja, Alman und die bigotte Spießigkeit in Person sein, ist seine hauptsächliche Charakter-Eigenschaft. In diesem 2,5 h stündigen Rant nimmt Maya im Detail auseinander wo Bernhard Blocksberg in den ersten 50 Folgen des Hörspiels moralische Verbrechen begeht. Ein Seh- und Hörtipp – vielleicht mal als Alternative zum Hörspiel.
Passend dazu auch: Eier aus Stahl KIDS vom ZDF Magazin Royale zum »Spießerkönig Papa Blocksberg« .
Musik zum Ausgang
Draußen vor dem Fenster fallen ein paar zarte Flocken und es weht, wie in den letzten Tagen, ein eisiger Wind um die Häuser. Inspiriert davon landet deshalb Frosti von Björk (Bandcamp, Spotify, YouTube), das auch auf meiner Playlist zum »Im Winter …«-Zine für den Zine-Tausch-Adventskalender war, auf der Spotify-Playlist zum Newsletter.
Nachwort
Etwas Real Talk zum Schluss: Der Newsletter kam heute später als gewohnt und ich habe in den letzten Tagen auch nicht, wie sonst, die Werbe-Trommel für ihn gerührt, denn mir fehlte in den letzten Tagen einfach die Energie und der Esprit dafür, obwohl ich schon einiges vorberietet hatte. Das ist halt manchmal so und das ist hier ja auch nur ein Hobby. Dennoch wollte ich meine Serie nicht reißen und euch auch nicht enttäuschen. Deshalb kam der Newsletter heute etwas später als geplant, aber dennoch mit der gleichen Leidenschaft.
Ich wünsche euch und uns für das kommende Jahr viel Energie, Esprit und Inspiration! Alles wird Mut!
Beste Grüße